Eine Grenzwanderung in Thailand

Vor dem Start einer Reise eine grobe Route auszusuchen ist eine tolle Idee. Dabei festzustellen, dass es zwischen zwei Orten, in unserem Fall Sangkhlaburi und Umphang / Mae Sot im Westen Thailands, keine Straße gibt und sich damit keine perfekte Rundtour zusammenstellen lässt, ist eher ernüchternd. Nach einigem Rumgooglen finden wir aber ein Video einer Motorradtour durch den Dschungel, die genau diese Orte miteinander verbindet und glücklicherweise gibt es darunter die E-Mail-Adresse des Guides. Wir schreiben ihm eine E-Mail und fragen, ob die Tour auch zu Fuß machbar ist und ein paar Facebook-Chats später ist das siebentägige Abenteuer geplant. Unser neuer Freund heißt Jarun Saksri, oder einfach Jack.

Sangkhlaburi und der Khao-Laem-Stausee

In Sangkhlaburi treffen wir Jack. Er zeigt uns die Stadt und die Umgebung, fährt mit uns zum Drei-Pagoden-Pass an der Grenze zwischen Thailand und Myanmar. Ein paar unsere Sachen packen wir in einen Karton und schicken sie per Post nach Umphang, wo wir sie nach der Wanderung wieder abholen wollen. Ein bisschen riskant kommt mir das alles schon vor, aber Jack sagt: kein Problem.
Als wir über die Mon-Brücke laufen, fallen uns die vielen Hausboote auf und wir fragen Jack, ob man darin auch übernachten kann. Klar kann man, sagt er, und schon kurz darauf haben wir einen Vermieter am Telefon und verhandeln den Preis. Wir kaufen Bier und bestimmt noch irgendwas, ich kann mich nicht mehr erinnern, wahrscheinlich frittierte Bananen, und schon sitzen wir auf der Terrasse unseres Hausboots für die Nacht. Ein kleines Motorboot zieht uns auf den See hinaus und macht uns irgendwo fest, dann sind wir ganz allein. Wir schwimmen eine Runde ums Haus, trinken Bier, die Sonne geht unter, wir merken schon, das hier werden wir so schnell nicht vergessen.

Von Sangkhlaburi nach Umphang

Am nächsten Morgen werden wir vom Knattern eines Motorboots geweckt – uns wird das Frühstück gebracht und wir stärken uns für den Tag, denn heute geht die Wanderung los. Wir treffen Jack an einem Café, organisieren uns drei Moped-Taxis und fahren Richtung Dschungel.
Schon nach den ersten Metern freuen wir uns, dass wir leicht gepackt haben. Es ist extrem heiß, wir sind ein bisschen neidisch auf Jacks offene Crocs, dann sehen wir die ersten kleinen Schlangen und der Neid gibt sich wieder. Vorbei an Wasserfällen kommen wir nach einigen Stunden im ersten Dorf an, werden dem Oberhaupt vorgestellt, verteilen Geschenke an die Kinder und blicken in glückliche, kauende Gesichter.
Die meisten hier, so auch Jack, sind Karen, eine ethnische Minderheit in Thailand, und wohnen in Stelzenhäusern. Wir bekommen einen Platz im Wohnzimmer eines Hauses und ein paar Decken, unsere Schlafstätte für die Nacht. Bis spät in den Abend läuft unter dem Haus der Generator und im Fernsehen „Burma-Boxing“, Lethwei. Das ist so ähnlich wie Muay Thai, nur bunter und lauter. Das halbe Dorf versammelt sich im Wohnzimmer, nicht jeder hier hat Strom oder einen Fernseher, es wird geraucht, gelacht und getrunken. Irgendwann ist das Benzin alle, der Generator geht aus und die Leute nach Hause, endlich schlafen wir ein.

Zu den morgendlichen Ritualen gehört das Abkochen des Wassers für unterwegs. Je nach Topf schmeckt das Wasser dann nach Rauch, Fisch oder irgendetwas anderem, aber nie gut. Später finden wir in einem Haus Getränkepulver, aber selbst das schafft es nicht, den Geschmack zu überdecken. Zum Frühstück gibt es meistens Reis, Gemüse und/oder Omelett, mittags die Reste vom Frühstück und abends Reis, Gemüse und/oder Omelett. In jedem Dorf gibt es andere Gewürze und andere Rezepte, so wird es nie langweilig.
Die Tage ähneln sich, nachts frieren wir bei gefühlten Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, tagsüber schwitzen wir bei gefühlten Temperaturen knapp unter dem Siedepunkt.
Die Karen schaffen sich den Platz für ihre Felder, indem sie den Bambus-Wald abbrennen. Das macht es nicht nur noch heißer sondern auch schwer, die Orientierung zu behalten. Wir sind gute drei Stunden unterwegs, als Jack nervös wird und nach einigem Suchen steht fest: wir müssen zurück ins letzte Dorf, heute schaffen wir es nicht mehr bis ins nächste. Das bringt die Gesamtplanung ordentlich ins Wanken.
Am nächsten Morgen springen wir auf die Ladefläche eines Kubota, im Prinzip ein Motor auf Rädern mit Hänger dran, und fahren damit durch den Dschungel, bis auch dieses Gefährt steckenbleibt. Wir trinken noch einen mit Jacks Freunden und sind von hier an wieder zu dritt und zu Fuß unterwegs. Der nächste Ort ist vergleichsweise groß, es gibt sogar Lebensmittelgeschäfte. Wir kaufen uns eine Fanta und erleben eine Geschmacksexplosion, nach all dem Fischwasser ist selbst eine Fanta unglaublich lecker. Auch das Abendessen schmeckt fantastisch, im Haus gibt es sowas ähnliches wie eine Dusche und so viele Decken wie noch nie zuvor, uns geht’s richtig gut.
Um vier Uhr morgens werden wir geweckt. Ein Pick-Up fährt in die Stadt und hat auf der Ladefläche noch zwei Plätze für uns frei. Die Wege sind so steil, dass wir teilweise auf der Heckklappe stehen, die Fahrt unter dem Sternenhimmel ist trotzdem ein bisschen romantisch.

Wir machen Halt an der Grenze zu Myanmar, von hier fährt uns ein Songthaew nach Umphang, wo wir unser Paket abholen wollen. Allerdings haben wir einen Tag länger gebraucht und es ist Samstag, die Post ist natürlich geschlossen. Jack fährt mit uns zur Polizei, wir erklären dem anfangs eher schlecht gelaunten Sheriff unsere Lage und zufällig ist der Postmann ein Kumpel von ihm. Wir fahren mit dem Polizeiauto durch die Stadt, die Post wird für uns aufgeschlossen und wir bekommen unser Paket. Inzwischen sind alle besser drauf, der Postmann fährt uns sogar noch zu einem Restaurant seiner Wahl und so langsam wird es auch für uns Zeit, Jack zu verabschieden. Er macht sich direkt wieder auf den Weg zurück nach Sangkhlaburi, wir fahren weiter bis Chiang Mai und stehen kurz nach Mitternacht vor der verschlossenen Unterkunft. Wir rufen vorsichtig den Besitzer an, er begrüßt uns herzlich und gibt uns ein schönes Zimmer mit einer warmen Dusche und einem richtigen Bett, Zivilisation, es ist der Wahnsinn.

1 Kommentar

  1. Gilles S. · 7. September 2014 Reply

    Ich bin der Franzose der machte den selben Trek mit Jack in Januar und hatte viel Spass ihre Bericht zu lesen. Danke !

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