Montenegro

Montenegro – die Bucht von Kotor

Es ist sehr, sehr heiß, als ich in Montenegro lande. Der Weg vom Flughafen Tivat in die Stadt sah auf der Karte so weit nicht aus, entgegen aller physikalischen Gesetze lassen fehlender Schatten und Gehweg, großer Rucksack und Hitze die Streckenlänge exponentiell ansteigen. Daumen hoch also und es dauert nur wenige Autos, bis ich eine Mitfahrgelegenheit finde. Der ältere Herr bekommt das Grinsen nicht aus dem Gesicht, obwohl es nicht nach Alkohol riecht, und wir tauschen ein paar Brocken in schlechtem Serbisch, Slowakisch und Englisch aus. Ein paar Minuten später sehe ich das erste Hinweisschild zum einzigen Hostel im Ort und steige aus.

Tivat selbst ist eine eher unspektakuläre Stadt in der Bucht von Kotor, wäre da nicht der Yachthafen „Porto Montenegro“, der für viele, viele Millionen Dollar von einem Kanadier hier ans Wasser gestellt wurde. Wenige Meter weiter, außerhalb des Zauns kostet ein Zimmer mit Meerblick ab 10 Euro. Hmmm, ein Immobilienmarkt, der ausschließlich auf gute Rendite und gegen die Einwohner ausgerichtet ist? Super, ich fühle mich gleich wieder wie zu Hause in Berlin.

Schönere, aber auch touristischere Orte findet man weiter hinten in der Bucht, um die herum eine schmale Straße direkt am Wasser entlang führt. Kotor, Herceg Novi, Perast sind alle eine Reise wert, vorn das Wasser, hinten die Berge und man selbst mitten in einer mediterranen Altstadt, es könnte schlimmer sein.

Inmitten der Bucht liegen zwei Inseln, eine davon trägt den Namen „Gospa od Skrpjela“, Maria vom Felsen. Sie entstand, weil Seefahrer über viele Jahre hinweg an dieser Stelle Steine in das Wasser geworfen haben. Diese Tradition gibt es auch heute noch, jedes Jahr am 22. Juli kommen Einheimische hierher, versenken Steine und so wächst die Insel immer weiter. Maria vom Felsen fehlt auf keiner Route der Bootstouren durch die Bucht.

Zabljak und der Durmitor-Nationalpark

Der supernette Besitzer des Hostels in Tivat wollte ohnehin in die Berge, also nimmt er mich mit und nur wenige Stunden heißen Reifens später bin ich in Zabljak im Norden von Montenegro. Ich werde bei einer freundlichen Familie untergebracht, die extra ein Zimmer für mich frei- und umräumt. Mein Ziel ist es, den umliegenden Durmitor-Nationalpark zu erkunden.

Die alte Dame in der Touristeninformation spricht perfekt deutsch, empfiehlt mir den Weg zur Eishöhle, gibt mir eine Karte mit und ich gehe los. Durmitor ist eher ein Wintersportgebiet, auf den Wegen ist nicht viel los. An der Eishöhle Ledina Pecina in 2.100 Metern Höhe angekommen treffe ich auf Gabi, einen Rumänen, und seine Familie. Er erklärt mir, dass er die Strecke unterschätzt hat, sein Rucksack liege auf eine Hütte und seine sechsjährige Tochter sei müde und könne nicht mehr laufen. Es ist bereits nachmittags und der Abstieg auf dem kürzesten, aber steilsten Weg ist mindestens drei Stunden lang. Wir entscheiden, dass ich mich mit seiner Frau und seiner Tochter auf den Weg mache, er den Rucksack holt und wir uns auf halber Strecke treffen. Wir gehen, oder vielmehr schleichen bergab, das Mädchen ist wirklich müde und der Weg schwer. In diesem Tempo schaffen wir es nicht vor Einbruch der Dunkelheit, also nehme ich sie auf die Schultern und laufe so bis ins Tal. Anfangs singt die Kleine noch lustige rumänische Lieder, irgendwann schläft sie ein, das macht es nicht wirklich leichter, aber ruhiger.
Gemeinsam mit den letzten Sonnenstrahlen kommen wir wieder in Zabljak an. Gabi dankt, entschuldigt sich für die Fehlplanung und lädt mich zum Essen ein. Wir trinken, lachen, trinken, lachen und am Ende trinken wir noch einen.

Wandern ist am nächsten Tag nicht drin, das wusste ich. Deshalb buche ich eine Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht, die tiefste und längste Schlucht Europas. Das Wasser ist türkisblau und gletscherkalt, durch die lange Trockenzeit hat der Fluss nicht viel Wasser – genau die Entspannung, die ich nach der Ochsentour am Vortag brauche.

Skutari-See

Ein Bus bringt mich nach Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro. Ich habe aber keine Zeit und nehme den nächsten Bus Richtung Küste, lasse mich an der Hauptstraße absetzen und laufe die letzten Kilometer nach Rijeka Crnojevica, einem kleinen Ort am Anfang des Skutari-Sees, oder auch Skadarsko Jezero. Dass ich schon nächstes Jahr wieder an diesem See stehen werde, nur auf der anderen, albanischen Seite – wer hätte das geahnt?
Im Ort ist nicht viel los, es gibt leckeres Essen und ich versuche, jemanden zu finden, der mich mit dem Boot über den See schippert. Sagte ich schon, dass im Ort nicht viel los ist? Aber es klappt natürlich trotzdem, ich verhandele hart, weil ich die Länge der Fahrt völlig unterschätze und kurze Zeit später knattern wir mitten durch ein wundervolles Naturschutzgebiet, der Kapitän quatscht mit seiner Freundin, die auch mitgekommen ist und ich habe ein gut gekühltes Bier in der einen und das Ruder in der anderen Hand. Läuft. Oder fließt. Oder so.

In Virpazar gehen wir wieder an Land, ich habe leicht einen im Tee. Die Sonne, das Bier, das Schwimmen im See mit den wirklich riesigen Fischen, die Landschaft ringsrum, die Geschichten über die zwei Berge mit dem Titel „Sophia Loren“, das alles bringt mich ins Wanken. Die Touristeninformation ist neu und sehr gut ausgestattet, da ich aber bereits eine Bootstour gemacht habe, gehen schnell die Ideen aus. Also rein in den Bus und entlang der wahnsinnig schönen Küste Montenegros geht es über Bar, Petrovac, Sveti Stefan und Budva (hier bitte nur mit Faible für Russendisko aussteigen) zurück nach Tivat.

Ab jetzt bin ich Balkan-Fan.

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